Basti Kördel | GER 220

Windsurfen im Winter

Wo komme ich mit dem Auto hin?


Im Bereich des Bodensees ist im Winter meist nicht viel los mit der Suferei. Ausnahmen gibt es natürlich, wenn ein Tiefdruckgebiet heranrauscht und etwas Wärme aus dem Süden mit zu uns bringt. Durch die Druckunterschiede entsteht dann meist mein geliebter Südwest-Wind. Der Hochnebel reißt auf und so kann ich in unseren Breitengraden auch an den jetzt sehr kurzen Wintertagen für ein, zwei Stündchen auf's Wasser. Diese Tage kann ich aber immer an einer Hand abzählen und deshalb machen meine Eltern und ich uns recht oft Gedanken, wie wir dieser Winterlethargie für kurze Zeit entkommen können. Natürlich läuft neben der Schule mein Trainingsprogramm zur "stetigen Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit" (ist ein Ausdruck meines Trimmers) den ganzen Winter. Niko besucht mich zuverlässig zweimal in der Woche für unser gemeinsames, abendliches Kraftausdauertraining. Dazu geht jeder von uns, er in Konstanz und ich in Aach, noch Laufen.

Damit die Kondition nicht zu kurz kommt, betreibe ich, in Vorahnung der Anstrengungen während der Windsurfrennen, also eine Menge Aufwand, um nicht gleich beim ersten Rennen schlapp zu machen. Eine Abwechslung dazu kann da bestimmt nicht schaden. Ganz besonders, wenn das neue Material von der Firma Lorch schon im Dezember danach schreit für die neue Saison getestet zu werden.

Mein Großvater, ein begeisterter Segler vor dem Herrn und Liebhaber klassischer Segeljachten, verbringt diese trüben Bodenseewintertage immer in wärmeren Gefilden. In Südfrankreich, an der Côte d' Azur ist das Klima wesentlich milder. Dort kann man die kalten, grauen Tage ohne "Schäden" überstehen.
Über eine Einladung von Ihm haben wir uns natürlich sehr gefreut und rollten dann über winterliche Straßen mit dem Surfanhänger am Haken, Richtung Mittelmeer.[Bild]

In der Bucht von St. Tropez empfing uns nach neun Stunden Fahrt mein Großvater in dem großen alten Haus am Meer. [Bild] Das Kaminfeuer knackte gemütlich und wir waren alle froh über das, von Ihm, vorbereitete Abendessen.


15°C Lufttemperatur und Sonnenschein weckten uns am nächsten Morgen. Beim Blick über das Meer und dem Gefühl von wärmenden Sonnenstrahlen im Rücken, stellte sich bei mir die Frage: Kann man denn überhaupt nördlich der Alpen wohnen? ;-) Schade, daß Niko nicht mit dabei war! Er verletzte sich bei der Vorbereitung zu dieser Reise schwer an der Hand. Krankenhaus, Operation, ein riesiger Verband und die Nachsorge zwangen Ihn zu Hause zu bleiben.

Der Wind kam die ersten fünf sonnigen Tage aus östlichen Richtungen. Mit drei bis vier Beaufort konnte ich den neuen Renner Probefahren. Die Schlaufen wurden richtig positioniert und eingestellt. An die paar Zentimeter Heckbreite konnte ich mich recht schnell gewöhnen. [Bild]

Zu detaillierten Aussagen möchte ich mich an dieser Stelle aber noch nicht hinreißen lassen. Der Wind war nicht immer wirklich ausreichend und ich hatte keine richtige Vergleichsmöglichkeit. Gerade für Werte wie: Höhe am Wind und Speed sind Aussagen, zu Fahrten ohne beständigen Trainingspartner, nur subjektiv. Aber eins: Günter hat auch dieses Mal wieder zusammen mit Phil Oberli einen schnellen, problemlos und frei zu fahrenden Shape entwickelt. Den Testbericht Lorch Thunderbird F1 werde ich aber auf meiner Homepage unter Berichte so schnell wie möglich einstellen, wenn ich nachvollziehbare Fahrunterschiede zum Lorch Thunderbird Formula feststellen und beweisen kann. Dazu muss aber eine Menge Fahrzeit gegen verschiedene Trainingspartner absolviert werden, sonst sind solche Ergebnisse immer nur wenig glaubhaft.



In der Bucht von St. Tropez gibt es überall PKW/Womo Haltemöglichkeiten und dazu gute Einstiege. Hier musste ich aber überall auf Felsen unter Wasser im Uferbereich achten. Viele Parkplätze sind inzwischen in der Durchfahrtshöhe beschränkt, aber zu den angegebenen Höhen kann man ruhig noch 10 bis 20 Zentimeter dazuaddieren. Unser Surfanhänger hat ca. zwei Meter in der Höhe, und bis auf die letzte Schranke, auf den Strandparkplätzen in Hyéres, passten wir überall hindurch.

Ca. 45 Minuten Fahrzeit von der Bucht von St. Tropez, Richtung westen über die RN 98, liegt die Ortschaft Hyéres. Von dieser Stadt erstreckt sich die Halbinsel Giens. Durch zwei ca. 2-3 Kilometer lange Sandstrände (einer nach westen und einer nach osten ausgerichtet) ergibt sich hier ein sagenhaftes Windsurfrevier. Wenn der Schönwetter - Ostwind in St. Tropez nicht mehr ausreicht für's Formula fahren, dann funktioniert dieser Spot, durch die relative Entfernung von der Küste, immer noch wunderbar. Bei Mistral, der von Westen bläst, wenn in Deutschland schlechtes Wetter ist, fuhr ich dann am Weststrand mit meinem Lorch Thunderbird 110 und 3,7 - 4,4 Qm Segelfläche. Ein Lorch Waveboard mit 70-90 Litern Volumen ist dann bei Windstärken zwischen sechs und neun Beaufort sicher viel stressfreier zu fahren, obwohl die Welle hier gar nicht so hoch ist. Der Strand ist auf beiden Seiten der Halbinsel flach abfallend. Hiermit eignet sich dieser Spot besonders für Surfanfänger - wenn man nicht mehr kann, treibt man schnell zum Strand (natürlich nur auf der Richtigen Seite der Halbinsel), kann sich ausruhen, sein Geraffel umdrehen und zum Ausgangspunkt ganz locker zurück surfen. Auf beiden Seiten der Halbinsel hat man eigentlich fast immer halben Wind. Auch der Aufwand für "Wohnmobilisten", die Ihr Material von der Straße über die in der Höhe begrenzten Parkplätze zum Strand schleppen müssen, hält sich in Grenzen. Der Weg ist maximal ca. 100 Meter weit, es gibt aber auch Stellen da ist die Straße nur 30 Meter vom Strand entfernt. Einen Campingplatz gibt es im westlichen Teil der Halbinsel. Den hab ich allerdings noch nicht ausprobiert. Ansonsten gibt es viele Unterkunftsmöglichkeiten speziell für Windsurfer in Hyeres, an der Straße Presqu'ile de Giens und in der Ortschaft Giens selbst. Das Internet gibt reichlich Auskunft.



Die Tage nach Neujahr hatten wir ca. sieben bis acht Windstärken aus östlicher Richtung (Tiefdruckgebiet im Golf von Genua) und so konnte ich ohne Welle, dafür aber mit Nieselregen, ablandig, bei absolutem Flachwasser, mit meinem 110er Thunderbird den Strand entlangbolzen. Die Lokals gingen mit ihren Needels und den 4 - 5,5er Racesegel noch erheblich schneller als ich mit meinem Wavesegel. Große Masttaschen und vier, fünf Camber sind für Speed-Fahrten einfach unschlagbar! Aufgefallen ist mir aber, dass ich meine kleinen Wavesegel sehr weit vorne in der Mastspur des Thunderbird 110 fahren mußte, um die Nase schön flach zu halten und richtig Geschwindigkeit zu machen. Obwohl hier von der Trimmung nur wesentlich größere Segel von der Firma Lorch als optimal angegeben werden, erstaunte mich die Vielseitigkeit und Eignung des 110ers für meine kleinen Wavesegel. Das war zwar ein Kompromiss, hat aber ordentlich funktioniert - besser als am Strand stehen und mangels zu Hause gelassenem Waveboard, nur zuschauhen.

Fast hätte ich es vergessen: An den Schlechtwettertagen mit Nieselregen und ordentlich Wind trug ich zum ersten Mal einen Neopren der 5000er Serie von NeilPryde. Dieser sitzt wie angegossen, engt überhaupt nicht ein und ist wunderbar warm. Ich hab ihn beim Surfen vollkommen vergessen, der Wohlfühlfaktor ist enorm, ein riesen Fortschritt zu den Teilen die ich bisher hatte.

Mit einem Anhänger voller Ausrüstung und einer Menge guter Ratschläge von Günter genossen wir die sehr milden und anfangs angenehm windigen Tage auf dem, von der tiefstehenden Wintersonne, vergoldten Wasser des Mittelmeers. Den unzähligen Speedduellen durch die Bucht von St. Tropez und Hyéres folgten gemeinsames Kochen und lange Abende nach gutem Essen am Kamin. Bei lustigen Spielen und tiefgründigen Gesprächen über das Leben, den Menschen und das Material, ließen wir das alte Jahr gemeinsam ausklingen und sammelten kraft für das Neue. Viel Zeit hatten wir, um uns "gut aus zu schlafen" und noch mehr davon, für das sehr späte gemeinsame Frühstück, alla Großvater. Bei Rühereiern, Baguette, Croissant, Schinken, Käse und dem guten Kastanienhonig der Côte d'Azur lies zwar die Trainingsdisziplin etwas nach, aber der am frühen Nachmittag aufkommende Wind verlangte dann bis zur Dämmerung wieder seinen Tribut von der, über die Winterpause etwas entwöhnten, Surfermuskulatur.
Drei Generationen unter einem Dach, ohne Stress und böse Worte - das war eine gute Zeit.

Lieber Großvater,vielen Dank für diese Einladung!


Basti im Januar 2008

[up]