Basti Kördel | GER 220

Der Silvaplanasee

Ein geniales Windsurfrevier im Hochsommer

Vom Bodensee führt die Anfahrt über die Rheintalautobahn, Chur, der Ausfahrt St-Moritz über den 2284 m hohen Julierpass direkt in das sehr gepflegte Dorf Silvaplana.
Die ca. 260 km lange Fahrt kann sich doch bei entsprechendem Verkehr ziemlich hinziehen und so bin ich jedes Mal froh wenn wir den Weg von Radolfzell in nur 3 Stunden hinter uns bringen. Für einen Tagesausflug rentiert sich also aufgrund der Anfahrtszeit der See nicht. Obwohl man ja auf die wildesten Ideen während einer 4 wöchigen Sommerflautenphase am Bodensee kommen kann. Vom Julierpass kommend fährt man langsam!!! durch den Ort Silvaplana hindurch und nimmt dann im Kreisverkehr die erste Abzweigung Richtung Maloya, danach gibt´s beidseits der Straße eine Tankstelle und 50 Meter danach, die gut einsehbare Abfahrt links auf den großen Parkplatz. Gegen eine Parkgebühr (ist wichtig, da regelmäßig von der Polizei kontrolliert) steht man direkt am Einstieg und kann dort auch auf der angrenzenden Wiese gut aufbauen. Dabei sollte der Surfneuling allerdings gut aufpassen, denn der am Ufer manchmal etwas böig, auflandige Südwestwind (Maloja) lässt das Rigg gerne Richtung geparkter Autos wegfliegen.

Von diesem Parkplatz kann der Surfer dann auch den direkt angrenzenden Campingplatz, die Surfschule mit Materialverleih und Shop zu Fuß erkunden. Die Campingplatzinhaber sind übrigens sehr nett, wissen wie´s Wetter wird, helfen mit Infos sehr zuvorkommend und haben viel Verständnis für Surfer und Kiter. Platzreservierungen sind für die Stellwiese nicht notwendig, da hier jeder stehen oder sein Zelt aufbauen kann wie er will.

Wenn´s an Wochenenden etwas voller wird, dann steht man eben etwas enger aufeinander. Hier wird das alles sehr locker genommen, Abgrenzungen gibt es keine und sein aufgebautes Rigg kann auch ganz easy über Nacht liegen bleiben. Nur auf den Saisonalplätzen hat man nichts verloren und wenn´s dunkel wird, ist eben Ruhe und somit Zapfenstreich. Wer sich nachts noch unterhalten möchte kann in Silvaplana ins Püff (ist eine ganz normale Bar mit Musik) oder fährt nach St. Moritz.

Ganz besonders kann ich jedem empfehlen, sich im Julierpalace Hotel direkt vor Ort in Silvaplana einzumieten. So ein tolles Hotel findet man in ganz Europa kein zweites mal.

Hier findet der Gast eine freundlich, lockere, angenehme Atmosphäre, ein bunt gemischtes Publikum und das charmante Personal kümmert sich wirklich um jeden Wunsch der Gäste. Besonders für sportlich Ambitionierte hat Daniel (das ist der Besitzer) vorgesorgt.
Er selbst geht natürlich auch Windsurfen und weis daher um die Vorlieben der Surfer.

So etwa wenn sie nach einem super Tag auf dem Wasser müde und hungrig eine Möglichkeit zur Erholung und Regeneration suchen. Die Betten in den freundlich und modern eingerichteten Zimmern sind für jeden geschundenen Surferrücken eine Wohltat und die gute Küche sorgt dafür, daß jeder bis zum nächsten Tag für den Malojawind wieder zu Kräften gekommen ist.
SchniPoSa (Schnitzel, Pommes u. Salat), Spaghetti und andere Speisen werden regelmäßig als 'all you can eat' angeboten. Genau das Richtige für Kerle, denen die ohnehin schon üppigen Portionen im Julierpalace noch nicht genug sind. An der Rezeption einfach mal nachfragen - das gibt es nur an bestimmten Tagen. Sonst sind natürlich die verschiedenen 4-6 Gänge Menüs eine tolle Sache. Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen sorgt durch das Umfangreiche Sortiment dafür, daß jeder den Tag bis zum Abend ohne Magenknurren übersteht.
In so einem stylischen Ambiente fühlt man sich schnell sauwohl - wie zu Hause. Also keine falsche Scheu - dieses Hotel ist erfrischend anders! Viel Hotel für's Geld, man hat eine super gute Zeit und kommt gerne wieder.

Warum soll man als Windsurfer zum Silvaplanasee fahren?
Ich sage Euch, der See ist einfach superklasse! Gerade im Sommer, wenn auf den Süddeutschen Seen der Wind über Wochen einfach nicht zum Surfen reicht, die schwüle stehende Luft und das Warten auf Wind an der Racerseele nagt, dann ist man hier gold richtig aufgehoben. Schon beim Aussteigen aus dem Auto empfängt einem die kühle und klare Bergluft des Engadins (Pullover, dicke Socken und Winterjacke für den Abend also nicht zu Hause vergessen). Endlich wieder durchatmen, die Zwangspause hat ein Ende.

Der Auf ca. 1800 Metern liegende See (überragt vom Hausberg Corvatsch 3303 Meter hoch und Sommerskigebiet) zeigt morgens bei allgemeiner Hochdrucklage kein Stäubchen Wind. Die absolut glatte Wasseroberfläche lässt schnell Zweifel an der Wettervorhersage aufkommen und bietet genügend Zeit in der Sonne ausgiebig zu Frühstücken und Material auszubessern.


Gegen Mittag, wenn sich die Hänge der umliegenden Berge durch die Sonne aufgewärmt haben, gibt es dann diese geniale Südwestwind Thermik namens Maloja. Mit anfangs 3-4 und später bis zu 5-6 Windstärken sorgt er für guten und gleichmäßigen Vortrieb auf dem grün schimmernden, klaren Wasser des Sees. Da die Luft hier oben etwas dünner ist, nehme ich immer einen Quadratmeter Segelfläche mehr mit auf´s Wasser als zuhause. Das Neil Pryde RS Racing ist schnell aufgebaut und so surfe ich dann ab Mittag bei kleiner Windwelle vor lauter Freude bis in den Sonnenuntergang, auch wenn mir dann die Handinnenflächen schmerzen. Zum Durstlöschen braucht man hier nicht extra an´s Ufer zu fahren, das Wasser des Sees stillt jeden Durst und hat bei mir bisher zu keinerlei Verdauungsstörungen geführt.

Die Wassertemperatur allerdings lädt nicht gerade zum Baden ein (selten ist sie über 17 Grad), und so ist für mich mein Surfanzug in lang-lang meist die richtige Wahl. Nur bei Regatten ist dann in der Hitze des Gefechtes der kurz-lang besser geeignet.

Für Racer sind diese Bedingungen ideal für Trimmfahrten. Stundenlang kann ich hier Material und Einstellungen testen. Die Uferbereiche des Sees werden schnell tief und ich kann außer auf der Straßenseite überall anhalten um etwas Nachzutrimmen. Besonders für die großen Segel (bei mir zurzeit maximal 10,7 Quadratmeter) und das Formulaboard ist der See genial. Das Neil Pryde RS Racing liegt auch bei starken Böen ruhig in der Hand und der Lorch Thunderbird Formula fliegt problemlos und einfach über die kurze Welle. Zusammen mit den edlen Finnen von Hurricane bin ich schnell, fahre gut Höhe und die Rennen machen richtig Spaß. Zumal hier auch regelmäßig Windsurfregatten stattfinden.

Die Schweizer Meisterschaft, der Eurocup und besonders der traditionelle Windsurf- marathon sind Events, die jeder Regattasurfer einmal erleben sollte. Internationale Spitzenfahrer, im Verhältnis große Teilnehmerfelder und gute Organisation, zeichnen neben netten Leuten diese Veranstaltungen aus. Nur das richtige Zählen der gefahrenen Runden während der Marathonregatta muss von der Leitung noch einmal geübt werden. Auch sind zu wenige Begleitboote draußen, die im Schadensfall schnelle Bergehilfe leisten könnten. Unter swisswindsurfing.ch und engadinwind.com findet man alle Infos. Am Eurocup sind sehr viele Windsurffirmen mit Ausstellungszelten vertreten, und hier wird auch direkt am Wasser eine große Tribüne für die Zuschauer aufgebaut. Die Rennen werden über Lautsprecher kommentiert und unmittelbar vor dieser Tribüne gestartet, so dass die Zuschauer direkt am Renngeschehen teilhaben können.

Man erkennt von hier aus, wer von den Profis einen Frühstart fabriziert oder wer den Start genau getroffen hat. Hier erlebt der Beobachter die Rennen hautnah. Zusätzlich legt die Rennleitung ca. 20 Meter vor dieser Tribüne eine Wendetonne ins Wasser. Somit ist für Spannung gesorgt, wenn die Rennteilnehmer dicht an dicht zwischen Tribüne und Tonne hindurch müssen, sich Speed, Luv und Wendeduelle liefern, um dann wieder zur Luvtonne hoch zu fliegen. Für Stimmung sorgen die Zuschauer und Fans der Fahrer. Sie feuern lautstark die Sportler an, was bei denen dann natürlich für einen extra Kick während der Rennen sorgt.
Als Regattateilnehmer muss ich hier oben immer alles geben. Marathon und mehrere Eurocuprennen, hintereinander an einem Tag, in relativ gewöhnungsbedürftiger Höhe sind ganz schön anstrengend. Abends bin ich nach so einem Wettkampftag total platt. Formularennen sind nicht nur unheimlich kraftraubend, Schmerzen nehmen im gleichen Maße zu, wie die Konzentration abnimmt. Muskelkrämpfe in Armen und Beinen sowie Taubheitsgefühl in den Händen können auftreten. Aber es beruhigt mich ungemein, wenn ich meine meist älteren Konkurrenten mit den gleichen Konditionsproblemen kämpfen sehe.
„Das ist ein Männerbrett“ – sagt der Günter immer wenn ich ihm meine Probleme erzähle. Deshalb bewundere ich besonders die netten Mädels, die bei den Rennen richtig gut mitfahren.

Am nächsten Morgen ist dann alles wieder vergessen und ich freue mich schon beim Frühstück (Wurzelbrot mal probieren) auf den nächste Startschuß.
Der See gibt den Sportlern in der Sonne bis gegen Mittag Zeit zur Erholung, um dann zusammen mit dem Maloya wieder alles zu fordern, - bis zum Sonnenuntergang.
Formularennen mit dem richtigen Material sind einfach der Hammer, besonders auf dem Silvaplanasee!

Basti Kördel,
im Oktober 2007



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